Grusel-Denglisch
"Uns ist ganz kannibalisch well, als wie fünfhundert Säuen!"
Na ja, ursprünglich hieß das ein bißchen anders: "Uns ist
ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen!" schrieb Goethe
in seinem "Faust". Aber weshalb sollen nicht auch die lustigen Gesellen
in Auerbachs Keller mit der Zeit gehen? Weshalb sollen nicht mal zur Abwechslung die
vereinigten Chöre von Aldi, Lidl und Metro dort singen? Ihrer Stimmgewalt, hinter
der Milliarden Euro an Werbeausgaben stehen, kann auf Dauer niemand widerstehen. Mephistopheles
hätte seine diabolische Freude daran. Garantiert würde er auch in der Hölle
sofort eine Wellness-Abteilung einrichten!
Weil wir schon mal bei diesem besonders grauslichen Kapitel des Denglisch-Wahns
sind, wollen wir uns auch noch ansehen, was Aldi, Lidl, Metro & Co. so alles an
"Outfit" zu bieten haben. Zunächst mal ein Blick auf das, was man früher
in Deutschland als Herrenschuhe, Turnschuhe oder Leinenschuhe zu bezeichnen pflegte:
Noch nichts passendes gefunden? - Macht nichts! Aldi, Lidl, Metro & Co. haben
ein Riesenangebot, das einem förmlich die Schuhe auszieht! Zum Beispiel "Trekkingsandalen"
für Kinder (die früher allenfalls dreckige Sandalen hatten). Das, was man
früher als Wanderschuhe bezeichnet hätte, gibt es auch nicht mehr. Das heißt
jetzt "Trekkingschuhe". Und anstelle von Stiefeln zieht man jetzt "Moonboots"
an:
Überhaupt sind Aldi, Lidl, Metro & Co. von Kopf bis Fuß auf Denglisch
eingestellt. So gibt es Hemden nur noch als "Shirts" oder mit einem schmückenden
denglischen Zusatz wie "City". Anstelle von Unterhosen trägt der Herr
jetzt "Retro-Shorts". Für die Damen gibt es nur noch "Slips"
anstelle von Schlüpfern, wobei sie auch noch wissen müssen, was einen "Slip
mit String" von einem "Slip mit Panty" unterscheidet:
Schöne neue Welt des denglisch überzuckerten Konsums! – Schade,
daß ausgerechnet die englischsprachige Welt nicht daran teilhaben kann. Für
die bleibt ein Slip ein ganz banaler Schlüpfer. Und was ein "City-Hemd"
oder "Business-Schuhe" sein sollen, würde sie sowieso nicht verstehen.
World of Schwachsinn
Wahrlich furchterregend, was uns hier von Heidelberger Plakatwänden entgegenspringt:
Anscheinend wurde schon vor hundert Millionen Jahren auf der ganzen Erde englisch
gesprochen. Einen Grund muß es jedenfalls haben, daß dieses Plakat The
World of Dinosaurier beschwört, obwohl es sich an deutsche Passanten richtet.
Mit unserem Erinnerungsvermögen an die längst vergessene Zeit der Dinosaurier
ist es auch nicht sonderlich gut bestellt. Stutzig macht uns aber, wie die englische
Imponierfloskel The World of... mit dem deutschen Wort Dinosaurier
gepaart wird, als ob die Plakattexter sich nicht getraut hätten, dem Publikum
ganz auf englisch mit The World of Dinosaurs zu kommen. So entstand ein grauenhafter
denglischer Wort-Lindwurm, den es selbst im Mesozoikum noch nicht gegeben haben dürfte.
Dem Redaktör ist nichts zu schwör
Bei diesem Artikel in der RNZ vom 1.3.07 wird man das Wort "Message"
im Text selber vergebens suchen. Dort ist nur von "messerscharfer Rhetorik"
die Rede. Beim Verfassen der Überschrift scheint den Redakteur aber der Stabreim-Wahn
überkommen zu haben, gepaart mit einer akuten Immunschwäche gegenüber
Denglisch. Und so entstand die "Sanfte Stimme mit messerscharfer Message".
Bei dieser RNZ-Meldung vom 7.2.07 ist kaum anzunehmen, daß die Protestantin
Angela Merkel die Araber missionieren wollte. Ihre "Mission" ist nicht im
kirchlichen Sinne gemeint, sondern in der weltlichen Bedeutung von "Sendung,
Auftrag, Botschaft".
Somit scheint sprachlich alles in Ordnung zu sein. Oder doch nicht?
Das Wort "Mission" hat gerade dann, wenn nicht die religiöse Bekehrungsarbeit
gemeint ist, im Deutschen und im Englischen einen anderen Assoziationsgehalt und ergibt
deshalb einen unterschiedlichen Sinn: Im Englischen wird jeder politische oder geschäftliche
Auslandskontakt zur "mission", so banal die Sache sein mag. Im Deutschen
schwingt dagegen immer noch etwas von (innerer) Sendung, (höherem) Auftrag und
(froher) Botschaft mit. Bisher jedenfalls.
Wir haben es deshalb mit einem weiteren Fall von gedankenloser Übernahme eines
englischen Wortes zu tun, das scheinbar einem vorhandenen deutschen Fremdwort entspricht,
in Wirklichkeit aber dieses zu "Denglisch" deformiert.
"Der Ladenburger Fischpass macht einen guten Job"
So schrieb neulich die "Rhein-Neckar-Zeitung" zu einem Bild, das die
neue Fischtreppe an der Neckar-Staustufe Ladenburg zeigte.
Auf deutsch war ungefähr folgendes gemeint: "Die Ladenburger Fischtreppe
bewährt sich." Oder: "Die Ladenburger Fischtreppe erfüllt ihren
Zweck." Aber das klänge natürlich zu banal. Das denglische Wort "Fischpass"
macht da schon mal mehr her, klingt fachmännischer. Und wenn man dann diesen
Fischpaß noch einen guten Job machen läßt, hat man die höchste
Stufe des denglischen Neusprechs erreicht, zu der unsere Medien fähig sind.
Die dümmliche Floskel "einen guten Job machen" entstand wohl aus
der stümperhaften Übersetzung der englischen Redewendung "to do a good
job", die korrekt mit "gute Arbeit leisten" oder "ganze Arbeit
leisten" zu übersetzen wäre. Allerdings arbeitet eine Fischtreppe nicht,
sondern liegt nur ruhig da. Deshalb ist diese idomatische Wendung aus dem Englischen
– gleichgültig ob falsch oder richtig übersetzt – in jedem Falle
deplaziert.
Der "Fischpass" ist ebenfalls Denglisch. Das Wort "Paß"
(bzw. "Pass" in neuer Rechtschreibung) hat im Deutschen nur die Bedeutung
von Gebirgsübergang oder Ausweispapier. Der "Fischpass" hat weder mit
dem einen noch dem anderen zu tun. Er ist vielmehr eine Abwandlung des englischen
Ausdrucks "fishpass". Der aber bezeichnet nichts weiter als einen irgendwie
gearteten Durchlaß für Fische. Das präzise englische Wort für
"Fischtreppe" wäre "fishladder".
Auch sonst machen die Schreiber der "Rhein-Neckar-Zeitung" oft keinen
guten Job, wenn es um gutes Deutsch geht, wie das folgende Beispiel zeigt:
Beim "Promi-Agenten" und "Chocolatier" haben wir erst mal gezögert,
sie als denglische Ausdrücke zu markieren: Den "Agenten" ohne geheimdienstlichen
Auftrag kennt immerhin auch noch der Duden ("veraltet für Geschäftsvermittler,
Vertreter"), und das Wort "Chocolatier" für Schokoladenfabrikant
ist zweifellos französischen Ursprungs. Indessen handelt es sich hier nicht um
die angestaubten Fremdwörter aus dem 19. Jahrhundert, sondern um täuschend
ähnliche Wiedergänger aus dem Denglisch von heute: In ihrer ursprünglichen
Gestalt als lateinisch-französische Fremdwörter sind der "Agent"
und der "Chocolatier" so gut wie verblichen. Sie feiern mittlerweile aber
fröhliche Urständ als Importe aus dem Englischen.
Ähnlich verhält es sich mit einer ganzen Reihe von Ausdrücken, die
unsere Großeltern noch als französische Fremdwörter kannten, die aber
nun in alt-neuer Gestalt aus dem Englischen importiert werden. Zum Beispiel muß
man bei Modewörtern wie "Administration", "Applikation",
"Evaluation", "Excellence" oder "Entrepreneur" zwei-
und dreimal hinsehen, um sie als Wiedergänger aus dem Englischen zu erkennen.
Denn das Englische basiert nun mal zu einem guten Teil auf französischem Vokabular.
– Spötter behaupten deshalb sogar, Englisch sei eigentlich nur "ein
grauenhaft gesprochenes Französisch".
Tickets statt Fahrscheine
Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart GmbH (VVS) hat eine Reihe von "wichtigen
Verbesserungen für 2007" angekündigt. An erster Stelle findet man die
folgende Neuerung: "Die Fahrscheine und Fahrkarten heißen jetzt einheitlich
Ticket."
Im einzelnen hat man die Wahl zwischen:
EinzelTicket,
4er-Ticket (Mehrfahrtenkarte),
EinzelTagesticket/GruppenTagesticket,
Schönes-Wochenende-Ticket und Baden-Württemberg-Ticket/-Single,
WochenTicket,
MonatsTicket,
JahresTicket,
FirmenTicket (JahresTicket),
MonatsTicket für Schüler,Auszubildende, Studenten,
StudiTicket,
9-Uhr-UmweltTicket,
14-Uhr-JuniorTicket,
SeniorenTicket
Die "Verbesserung" besteht also darin, das präzise Wort Fahrschein
durch das englische Allerweltswort Ticket zu ersetzen, das auf neudeutsch ebenso einen
Parkschein, irgendeine Eintrittskarte oder einen Strafzettel bedeuten kann. Zusätzlich
malträtiert der VVS die deutsche Sprache durch Großbuchstaben innerhalb
von Komposita, wo sie nichts verloren haben, und erzeugt so 13 Monstrositäten,
die Auge und Sprachgefühl gleichermaßen beleidigen.
"Wir können alles außer Hochdeutsch" – in diesem Spruch
der offiziellen Werbung für das Land Baden-Württemberg steckt leider ein
furchtbares Stück Wahrheit. Vorsichtshalber fragen wir deshalb die Verantwortlichen
des VVS auf schwäbisch: "Ticket se no richtig?"
EnergyTruck
Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) schickt in der Vorweihnachtszeit 2006
einen "EnergyTruck" durchs südwestliche Bundesland. Das Gefährt
soll Spenden für soziale Hilfsprojekte sammeln und so Werbung mit Wohltätigkeit
verbinden. Vor allem will die EnBW ihren lädierten Ruf pflegen, der durch überhöhte
Strompreise und allerlei Affären gelitten hat. Mit derselben Rücksichtslosigkeit,
mit der sie sonst ihren Kunden in die Tasche greift, läßt sie deshalb nun
den "EnergyTruck" mit zwei englischen Vokabeln ohne Abstand oder Trennstrich
durchs Ländle rasen. So gerät die deutsche Sprache gleich doppelt unter
die Räder.
Nieten in Nadelstreifen sprechen Denglisch
Die Eliten unseres Landes seien - ganz im Gegensatz zu ihrer Bezahlung - nur unteres
Mittelmaß. Sie seien geistig zu beschränkt oder materiell zu sehr auf ihren
eigenen Vorteil bedacht, um die anstehenden Probleme tatsächlich lösen zu
können. Zu dieser Feststellung gelangt der ehemalige Leiter der Planungsabteilung
im Bundeskanzleramt, Albrecht Müller, in seinem Buch "Machtwahn", das
Ende März 2006 erschien und sogleich ein Verkaufserfolg wurde. Müller stammt
aus Heidelberg und lebt jetzt in der Südpfalz. Wie abgehoben und unfähig
die Nieten in Nadelstreifen tatsächlich seien, zeige sich unter anderem in der
Verwendung englischer Ausdrücke für Belanglosigkeiten und unsinnige "Reformen":
"Auch noch die letzte Belanglosigkeit wird auf Englisch ausgedrückt:
Personal-Service-Agentur, Job-Center, Quickvermittlung, Job-to-Job, Bridge-System,
Minijob, Job-Floater - die Beispiele ließen sich endlos fortführen. Diese
Sprache schafft Distanz zu den Betroffenen, den Arbeitslosen und Arbeitsuchenden und
jenen, die noch Arbeit haben, aber um ihren Arbeitsplatz bangen. Diejenigen, die die
Reformen planen, sind Fremde, meilenweit entfernt von der Lebenswelt normaler Menschen."
"Full house" in der Mannheimer Kunsthalle
Als "Woge malerischer Beliebigkeiten zwischen Kitsch, albernem Gekrakel, schrillen
Fratzen und mangelndem künstlerischem Temperament" empfand eine Kunstkritikerin*)
die letzte Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle. Das läßt sich von
der neuen Ausstellung, die am 1. April 2006 eröffnet wurde, genauso und erst
recht sagen. Auf der nach oben offenen Skala des Kitsches wird hier mit viel Englisch
und allerlei Versatzstücken der Pop-Kultur ein Gipfel an sprachlich-künstlerischem
Schwulst erreicht.
Es fängt schon an mit dem Titel der Ausstellung: "Full house".
In den letzten Jahren hat der neue Kunsthallen-Direktor Rolf Lauter zahlreiche Bestände
der Kunsthalle entfernen und zum Teil sogar in auswärtigen Depots einlagern lassen,
um für irgendwelche Pop-Inszenierungen Platz zu schaffen. Von einem vollem Haus
kann also keine Rede sein. Vielmehr herrscht im Neubau der Kunsthalle Leere und Langeweile.
Wer da von "Full house" spricht, hat gute Gründe, das nicht
auf deutsch, sondern auf englisch zu sagen.
Es sind ziemlich krüppelige Gewächse, die sich jetzt dort breitmachen,
wo Lauters Kahlschlag gewütet hat: Man sieht willkürlich ausgewählte
Gemälde, Plastiken, Grafiken, Fotografien, Videoarbeiten und Medieninstallationen,
die erklärtermaßen nichts miteinander verbindet als der Anspruch, gerade
durch die Willkürlichkeit ihrer Präsentation "hintergründige
Cross-over-Konstellationen" zu bilden, in denen "sich die Werke
gegenseitig erhellen".
Auch die einzelnen Räume der Ausstellung "Full House" sind
durchweg mit englischen Bezeichnungen versehen. Hier eine Aufzählung, die keinen
Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:
"Love me tender"
"As tears go by"
"Take a walk on the wild side"
"No colors anymore I want them to turn black"
"Small Faces"
"Time is an ocean..."
"Hello darkness, my old friend"
"Let's get physical"
"Simple twist of fate"
"Scheme of things"
"Nature rediscovered"
Wer sich schon früher darüber geärgert hat, sieben Euro für
die Besichtigung von Rolf Lauters Pop-Kabinett hingelegt zu haben, kann sich wahrscheinlich
noch daran erinnern, einen Teil der Exponate bereits in Räumen gesehen zu haben,
die damals deutsch beschriftet waren. - Das heißt, eigentlich war es kein Deutsch,
sondern etwas ähnliches, eine Art Pop-Deutsch. Der Kunsthallen-Direktor erfand
nämlich Bezeichnungen wie "KoerperRaum/NacktRaum", "LandschaftsRaum",
"NaturRaum" oder "EigenRaum".
Nun tut es diese affektierte Schreibweise nicht mehr. Es muß schon englisches
Imponiergefasel sein. Beispielsweise wurde aus dem "KoerperRaum/NacktRaum"
das neue Nuditätenkabinett "Let's get physical". – Diese englischen
Bezeichnungen seien den Räumen angemessen, da sie "als Elemente unseres
kollektiven Gedächtnisses aus der musikalischen Welt des Pop stammen",
läßt sich einer Pressemitteilung der Kunsthalle entnehmen. Man darf dies
wohl als Eingeständnis werten, daß die Mannheimer Kunsthalle unter der
Leitung von Rolf Lauter mehr Pop als Kunst bietet bzw. beides nicht mehr unterscheiden
kann oder will.
Entschiedenen Widerspruch verdient aber Lauters Behauptung, daß "Elemente
unseres kollektiven Gedächtnisses" bereits auf englisch umgestellt worden
seien. - Es mag zwar sein, daß der Kunsthallen-Direktor persönlich nur
irgendwelche englischen Pop-Song-Titel im Kopf hat und sie mit anspruchsvolleren Bewußtseinsinhalten
verwechselt. Das berechtigt ihn aber noch lange nicht, anderen zu unterstellen, es
sähe in ihrem Oberstübchen genauso armselig aus ...
Der treffendste Kommentar zu Rolf Lauters neuester Pop-Inszenierung stammt übrigens
von einem Engländer: In Mannheim habe er von allen bisher besichtigten Kunststätten
"the worst museum" gesehen, schrieb er in das Gästebuch.
*) Es handelt sich um Christel Heybrock, frühere Feuilletonredakteurin
des "Mannheimer Morgen". Ihre vernichtende Kritik der letzten Ausstellung
ist auf ihren Internet-Seiten
nachzulesen.
Nachtrag 1: Ende April 2006 hat Christel Heybrock auch "Full
house" besprochen und festgestellt, daß damit die Mannheimer Kunsthalle
unter Rolf Lauter "ihren Tiefpunkt erreicht" habe.
Nachtrag 2: Am 7. September 2007 gab der Mannheimer Oberbürgermeister
Peter Kurz (SPD) die Ablösung des Kunsthallen-Direktors Rolf Lauter bekannt,
den er einst – in seiner vormaligen Eigenschaft als Kulturbürgermeister
– selber berufen hatte. Zum Verhängnis wurde Lauter allerdings nicht sein
mit Denglisch gewürzter Schickimicki-Kunstbetrieb, sondern seine Unfähigkeit,
mit Geld vernünftig umzugehen und die zum Stadtjubiläum geplante Ausstellung
"Goya – Manet – Picasso" termingerecht durchzuführen. Schon
im Oktober 2006 war Lauter die Zuständigkeit für die Finanzen entzogen und
eine Aufpasserin zur Seite gestellt worden. Immerhin sprach sich nun herum, daß
er auch in künstlerischer Hinsicht ein Banause war. "Viel zu lange hat die
Stadt Lauter gewähren lassen", konnte man in der RNZ (8.9.07) lesen. "Seine
'Neue Kunsthalle' war voll von buntem Jahrmarkttreiben, ohne Konzept und Zusammenhang,
deutlich an Modeerscheinungen des Kunstmarktes orientiert." Als Beamter ist der
unfähige Kunsthallen-Direktor indessen unkündbar und wird deshalb nun irgendwoanders
in der Stadtverwaltung beschäftigt werden müssen.

Kundendruck zeigt Wirkung
"Ist Ihre Anzeige nur für englische/amerikanische Kunden gedacht
oder auch für deutschsprachige Käufer? Oder soll ein Ausschluß der
Kundschaft erfolgen, die die englischen Worte nicht versteht?" - So fragte
der Weinheimer Ulrich Vielhaber per E-Post die Firma Breuninger, als er am 12. März
2006 die obenstehende Anzeige im "Mannheimer Morgen" bzw. in den "Weinheimer
Nachrichten" fand. Zugleich kündigte er an, die Anzeige (die insgesamt eine
halbe Zeitungsseite einnahm, textmäßig aber nur aus den hier dokumentierten
englischen Wörtern bestand) für den monatlich vom VDS verliehenen "Sprachhunzer
des Monats" vorzuschlagen.
Die Firma Breuninger reagierte prompt. Noch am selben Tag erhielt Vielhaber e-postwendend
von der Leiterin des "Kundenservice", Daniela Rehm, die folgende Antwort:
"Für Ihre offene Kritik an der Eröffnungskampagne bin ich Ihnen
sehr dankbar, denn Ihre Meinung als Kunde ist ausgesprochen wertvoll. Die englischen
Begriffe in unseren Prospekten und Anzeigen sind auch bei uns ein oft diskutiertes
Thema. Denn selbstverständlich wollen wir, dass unsere Werbung möglichst
von allen verstanden wird. Was eigentlich ein klares Argument für die 'Verbannung'
von englischen Begriffen wäre - das wissen wir. Leider werden wir aus den oben
genannten Gründen nicht völlig auf fremdsprachliche Begriffe verzichten
können, vor allem dort, wo es sich um gängige Ausdrücke und Artikelbezeichnungen
handelt. Aber wir wollen die Verwendung von Anglizismen einschränken und unsere
Werbemittel eingehender als bisher auf Verständlichkeit überprüfen."
Eine etwas gewundene Antwort, zumal die "oben genannten Gründe",
die angeblich einen Verzicht auf "fremdsprachliche Begriffe" nicht erlauben,
in dem Schreiben nirgends zu finden waren. Aber immerhin: Bei der Firma Breuninger
scheint man bemerkt zu haben, daß vielen Kunden das denglische Imponiergefasel
auf den Geist geht.
Hommelhoff ist "quiet happy"
"Volkswirtschaftslehre bleibt in Heidelberg - Rektor Hommelhoff ist 'quiet
happy'", lautete eine Überschrift in der "Rhein-Neckar-Zeitung"
vom 21. Oktober 2005, die dem Leser einiges zumutete. Denn zum einen war der Rektor
der Heidelberger Universität sicher nicht glücklich darüber, daß
seine Pläne zur Verlegung des traditionsreichen Fachbereichs Volkswirtschaftslehre
an die Universität Mannheim nun doch durchkreuzt worden waren. Er war am Widerstand
von Studenten und Dozenten gescheitert und hatte insofern überhaupt keinen Grund,
dies als persönliches "happy end" zu empfinden.
Eine nicht mindere Zumutung war aber, wie hier der Rektor einer deutschen Universität
einen Kommentar in Stammel-Englisch abgab, der einige Zweifel weckt, ob dieser akademische
Würdenträger überhaupt noch der deutschen Sprache mächtig ist.
Derselben Ausgabe der "Rhein-Neckar-Zeitung" konnte man entnehmen, welche
Minimalanforderungen in punkto deutsche Sprachkenntnisse der Bundesgerichtshof an
die Einbürgerung von Ausländern stellt. Wann gibt es ein höchstinstanzliches
Urteil zu den Minimalanforderungen, die der Rektor einer deutschen Universität
zu erfüllen hat?
Außerdem wäre es auch auf englisch vollendeter Stuß gewesen, wenn
sich Hommelhoff "quiet happy" gezeigt hätte. Wir wollen ihm mal zugute
halten, daß hier der Berichterstatter die beiden englischen Wörter "quiet"
und "quite" verhört bzw. verwechselt hat. Das eine bedeutet soviel
wie "ruhig" und das andere hat den Sinn von "ganz". - So wurde
das Stammel-Englisch, das der Rektor absonderte, von der lokalen Presse in vollendetes
Pidgin-Englisch umgewandelt.
Der Unfug geht indessen weiter: Einer der beiden Schwerpunkte des Studiengangs
Volkswirtschaftslehre wird künftig "Behavioral Economics" sein. Einer
der Unterbereiche soll "Economics of Governance" heißen. Die erfolgreiche
Absolvierung des Studiengangs wird mit der akademischen Würde eines "bachelor"
oder eines "master" belohnt.
Als Radikallösung schlagen wir vor, den ganzen Fachbereich gleich in "Bullshit
Economics" umzubenennen. Damit würde klargestellt, daß hier Volkswirtschaftslehre
nicht in der Tradition Alfred Webers gelehrt werden soll, sondern nach dem denglischen
Gusto von Uni-Bürokraten.
Faust singt - und das auf englisch
Bei den Heidelberger Schloßfestspielen 2005 wurde eine äußerst
eigenwillige Fassung von Goethes Urfaust gezeigt. Zum Beispiel spricht Faust seinen
einleitenden Monolog (Da steh ich nun, ich armer Tor...) nicht in einem "hochgewölbten
engen gotischen" Gelehrtenzimmer, wie es die überlieferte Fassung vorsieht,
sondern in einer Kneipe. Er spricht ihn auch nicht nüchtern, sondern ziemlich
angesäuselt, weil der Regisseur anscheinend der Meinung ist, daß existentielle
Krisen mit übermäßigem Alkoholkonsum zu tun haben. Außerdem
wird der Monolog noch ständig durch spaßige Kommentare des Barmanns hinter
der Theke unterbrochen, der nur bruchstückhaft Deutsch kann und deshalb beispielsweise
mit einem Besen fuchtelt, weil er "kehren" anstelle von "bekehren"
versteht.
Den Gipfel der Dummheit erreicht die Inszenierung, wenn Gretchen wissen möchte,
wie ihr Heinrich es denn mit der Religion halte: Da setzt sich Faust hin und trällert
ein englisches Liedchen. Und auch später, als Gretchen ihrer Hinrichtung entgegensieht,
fällt ihm dazu nochmals ein englischer Song ein, als ob der Urfaust ein Musical
wäre.
Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen, heißt es
in der ersten Szene des Urfaust. In diesem Sinne ist bei manchen Regisseuren wohl
Hopfen und Malz verloren. Sie werden nie kapieren, um was es eigentlich im Faust oder
in anderen Stücken geht.
Diese Inszenierung paßte jedenfalls zum Faust - der zu Recht als das bedeutendste
Werk der deutschen Literatur gilt - wie die Faust aufs Auge! Nebenbei zeigte sie ein
weiteres Mal, wie Unbildung und Banausentum in diesem Lande auf englisch daherkommen.
Doch es gibt Anlaß zur Hoffnung: Ein Intendantenwechsel steht bevor, und
auch sonst dürfte sich mit der der neuen Spielzeit 2005/06 am Heidelberger Theater
einiges ändern.
Endlich mal ein Französismus!
Bei der Flut von Anglizismen tut es richtig gut, mal einem "Französismus"
zu begegnen. Das Heppenheimer Mineralwasser-Unternehmen "Odenwald-Quelle" hat seine
Produktpalette, die so grausige Bezeichnungen wie "Fresh Apple", "Wellness", "Lemon
Water" oder "Odina life" umfaßt, um "Naturel" erweitert. Das Mineralwasser ohne
Kohlensäure heißt also nicht "Natural", wie es dem üblichen denglischen
Imponiergefasel entspräche, sondern trägt den Zusatz "Naturel", der unverkennbar
französischen Ursprungs ist.
Vermutlich hatten die Heppenheimer Marktstrategen dabei "Volvic naturelle" im Blick,
jenes Wasser aus den Tiefen des französischen Zentralmassivs, das hierzulande
für über 90 Cent pro Liter im Supermarkt angeboten wird und sich trotz dieses
Diesel-Preises ganz gut verkauft, weil der Danone-Konzern sein Produkt als "die stille
Kraft des Vulkans" anpreist.
Nun läßt sich dem Odenwald kein vulkanischer Ursprung andichten. Das
war wohl der Grund, weshalb die Werbetexter der Firma Odenwald-Quelle die stille Kraft
des Odenwalds mit seinen nicht vorhandenen Vulkanen in das Attribut "naturel" gekleidet
haben. Die klammheimliche Anleihe bei der französischen Konkurrenz wollten sie
dann aber doch nicht zu erkennen geben, indem sie "naturelle" in "naturel" verkürzten.
Auch das klingt noch irgendwie französisch. Allerdings wird damit aus einem weiblichen
Attribut ein männliches. Und somit erhebt sich die Frage, auf was sich dieses
Attribut beziehen soll. Etwa auf "source", wie dies normalerweise bei französischen
Mineralwasser-Etiketten der Fall ist? - Aber die Quelle ist im Französischen
wie im Deutschen weiblichen Geschlechts. Auch das Wasser ("eau") würde "naturelle"
als Attribut verlangen, da es im Französischen ebenfalls weiblich ist. Auf was
also mag sich "naturel" beziehen?
Vorschlag zur Güte: Das "naturel" bezieht sich auf "truc", was im Französischen
männlichen Geschlechts ist und soviel wie Dreh, Kniff oder Schwindel bedeutet...
Ein Racketeer, wer Schlechtes dabei denkt
In Nußloch hat ein "Racket-Center" aufgemacht, das am 20./21. November 2004
ein "Gesundheitswochenende" anbietet (eigentlich hätte man an dieser Stelle ein
"Health-" oder "Wellness-Weekend" erwartet, aber ganz ohne Deutsch geht es anscheinend
doch nicht, wenn man etwas verkaufen will). Zu den "Highlights" des Etablissements
gehören "Indoor Cycling", "Nordic Walking", "Relaxing", "Aqua Fitness" und "Power
Dumbell".
Wow! Das fetzt! Man braucht sich nur vorzustellen, wie armselig das auf Deutsch
klingen würde: Wie da einer auf dem Steh-Fahrrad vor sich hin strampelt (Indoor
Cycling), mit zwei Stöcken herumtapert (Nordic Walking), einfach mal nichts tut
(Relaxing) oder sich in die Badewanne legt (Aqua Fitness). Bei "Power Dumbell" verläßt
uns allerdings die Vorstellungskraft. Ob das soviel wie geballte Dummheit heißt?
- Ein Blick ins Wörterbuch gibt uns zumindest teilweise recht: "Dumbell" bedeutet
soviel wie "Hantel" oder auch "Dummkopf".
Das größte aller Rätsel bleibt indessen das "Racket-Center". Das
"Center" verstehen wir ja noch. Mit diesem Zusatz wird bekanntlich jeder Tante-Emma-Laden
zum Einkaufs-Center aufgeblasen. Aber was ist unter "Racket" zu verstehen? In unserer
Verzweiflung schlagen wir in "Webster's Encyclopedic Unabridged Dictionary of the
English Language" nach und finden nicht weniger als acht mögliche Bedeutungen:
- Tennis- oder Federballschläger
- Tischtennis-Schläger
- Gesellschaftliches Spektakel
- Alkoholschmuggel oder Erpressung von Geschäftsleuten
- Unseriöse Geschäftspraktiken
- Organisierte illegale Praktiken (vorherrschende Bedeutung)
- Tätigkeit, Lebensweise oder Lebensunterhalt (Slang)
- Eine leichte oder einträgliche Art zur Bestreitung des Lebensunterhalts
(Slang)
Neben Tennis, Federball und anderen mit Schlägern betriebenen Sportarten bleiben
somit sechs mögliche Bedeutungen übrig, die überwiegend krimineller
Art sind. Davon abgeleitet gibt es im Englischen den Begriff "racketeer" für
äußerst schlitzohrige, erpresserische Geschäftemacher. Ob man unter
diesen Umständen die Staatsanwaltschaft Heidelberg bitten sollte, der Sache mal
auf den Grund zu gehen?
Aber halt! In der Zeitungsanzeige, die das "Gesundheitswochenende" anpreist, ist
auch noch eine Internet-Adresse angegeben. Klicken wir also auf www.racket-center.com.
Vielleicht ist alles ganz harmlos. Und tatsächlich: Hier ist auch von Tennis,
Badminton, Squash und Basketball die Rede. Neben vielem anderem allerdings. Und das
hört sich so an: "Events & Incentives", "Workshops & Seminare", "Camps
& Turniere", "Promotion & Promis", "Exhibitions & Performance"...
"Science Tower" mit "Skylounge"
Der Heidelberger SRH-Konzern (früher Stiftung Rehabilitation) lud am 9. Oktober
2004 zu einem Tag der offenen Tür, bei dem die neue Fachhochschule auf dem Wieblinger
SRH-Gelände besichtigt werden konnte. Die Gebäude sind architektonisch recht
ansprechend. Umso unangenehmer fielen die zahlreichen Verunstaltungen der deutschen
Sprache auf: Zum Beispiel wird der zentrale Turmbau der Fachhochschule als "Tower"
bzw. "Science Tower" bezeichnet. Ganz oben in diesem "Tower" befindet sich eine "Skylounge".
Um dem Publikum zu signalisieren, daß es doch bitteschön keine Zigarettenasche
und Pommes frites verstreuen möge, hingen beim Tag der offenen Tür überall
Pappschilder mit den rot durchstrichenen Wörtern "smoke", "drink" und "eat".
Für den Abend wurde zu einer "Opening Party" in den Karlstorbahnhof eingeladen.
Die SRH-Tochter, zu der die Fachhochschule gehört, heißt natürlich
"SRH Learnlife AG". Und weil sich auf englisch so wunderbar hochstapeln läßt,
schmückt sich die Fachhochschule mit dem Zusatz "University of applied sciences".
Geradezu rührend wirkte in dieser Umgebung ein Prospekt, den die Mannheimer
Niederlassung des Goethe-Instituts verteilte: "Deutsch lernen in Mannheim - Heidelberg".
Institut für Kauderwelsch
Das "Institut für deutsche Sprache" in Mannheim ist neuerdings ins Gerede
gekommen, weil es als einer der Hauptverantwortlichen für die mißglückte
Rechtschreibreform gilt. Aber auch sonst macht es seinem Namen und seinem Zweck alle
Unehre, wie die folgende Stellenausschreibung zeigt:
"Gesucht wird Mitarbeiter für folgende Aufgaben: Allgemeine Supervisorprobleme
bei Frage- und Antwortprozessen, Parsing und Pattern-Matching über einer normalen
Sprache und Multiprocessing-Verfahren. Wir bieten die Möglichkeit zur Einarbeitung
in eine very high level language aus dem Bereich Artificial Intelligence."
Klar verständliche Worte
"Formuliere in klar verständlichen Worten: den consumer benefit, die reason
why's und die tonality." (Aufgabenstellung im Fach Werbelehre am Berufskolleg
für Grafikdesign in Mannheim)
Neues von Saimens
Siemens gibt zweimal jährlich die Zeitschrift "Pictures of the Future" heraus,
die über Trends wie die "Always-on-Gesellschaft" berichtet, im übrigen aber
- wer hätte das gedacht - auf deutschsprachige Leser zielt. Außerdem hat
Siemens jetzt die Zukunftsstudie "Horizons2020" vorgelegt, deren Denglisch-Titel auch
insofern zu neuen Horizonten führt, alserdenAbstandzwischendenWörterneinfachwegläßt.
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